"Genialer Spielmacher", "charismatische Autorität", "Prototyp des modernen Fußballers": Man kann seitenweise Lobeslieder auf Fritz Walter singen, ohne sich auch nur ein Mal zu wiederholen. Nach dem "Wunder von Bern" war sein Stammplatz der auf dem Denkmalsockel. Ihm selbst war der Rummel um seine Person eher zuwider.
Man kann sich mitunter des Eindrucks nicht erwehren, dass der Superlativ erst in die deutsche Sprache Einzug hielt, nachdem Fritz Walter Deutschland 1954 sensationell zum WM-Titel geführt hatte. Neben Max Schmeling ist er bis heute der wohl populärste Sportler der Republik. Die "Neue Zürcher Zeitung" beschrieb ihn einmal als "zeitlos genialen Antistar, wie er in der heutigen Medienwelt gar nicht mehr entstehen könnte". Altbundespräsident Roman Herzog hatte bei ihm sogar "eine übermenschliche Bescheidenheit" ausgemacht.
Das klingt verdächtig nach Legendenbildung. Doch der Verdacht erhärtet sich nicht. Anfang der 1950er-Jahre machte ihm Atlético Madrid ein Angebot, dass man eigentlich nicht ablehnen konnte. Die Spanier boten ihm für einen Zweijahresvertrag 250.000 Mark Handgeld plus etliche Tausend Mark an Gehalt und Prämien, Wohnung und Auto als Dreingabe. Fritz beriet sich mit seinem Übervater Sepp Herberger und gab den Madrilenen einen Korb. "Dehäm is dehäm" - daheim ist daheim - begründete der Pfälzer seine Absage. Auch spätere Angebote französischer Clubs oder von Inter Mailand schlug er aus - vielleicht auch deshalb, weil er zeitlebens unter Flugangst litt.
Wie viele große Spieler hatte auch Fritz Walter einen charismatischen Defekt. Seine Genialität auf dem Spielfeld stand im krassen Gegensatz zu seinem Nervenkostüm. Bei entscheidenden Spielen war sein Stammplatz, wie er selbst sagte, "bis kurz vor dem Anpfiff auf dem Klo". "Zarter Riese" nannte ihn der Frankfurter Literat Ror Wolf. Lehrmeister Herberger war denn auch "mehr Psychologe als Trainer". "Empfindsam, schüchtern, zu Weltschmerz und Zweifeln neigend", diagnostizierte "Der Spiegel". Ins 1985 nach ihm benannte Kaiserslauterer Stadion am Betzenberg "pflege er so scheu durch das hohe Tribünentor zu schreiten, als betrete er sein eigenes Mausoleum."
Seine ersten Schritte auf dem Fußballplatz machte Fritz als Siebenjähriger (und als rechter Verteidiger) in der Schülermannschaft des FV Kaiserslautern. Der verschmolz später mit Phönix Kaiserslautern zum heutigen FCK. 30 Jahre blieb er seinem Verein treu, wurde mit ihm 1951 und 1953 Deutscher Meister. Unvergessen ist bis heute auch sein "Jahrhunderttor". Das hatte er 1956 vor 100.000 Zuschauern gegen Wismut Aue erzielt, als er den Ball im Hechtflug mit hochgerissenen Hacken ins Netz beförderte.
Bei seinem Länderspieldebüt gegen Rumänien am 14. Juli 1940 gelangen ihm gleich drei Treffer, bei seinem Abschied im WM-Halbfinale gegen Schweden 1958 wurde er verletzt ausgewechselt. "Hin und wieder stimmt es mich traurig, dass mir der Krieg meine besten Fußballerjahre nahm", sagte er einmal. Obwohl Herberger für seine Nationalspieler Privilegien durchsetzte, kam Walter 1940 als Infanterist nach Frankreich, später nach Sardinien, Korsika und Elba. Fußball spielte er nun in der Soldatenmannschaft "Rote Jäger". "11 rote Jäger" heißt das Buch, das er über jene Zeit schrieb. Und anscheinend nahm ihm nur die linke Berliner Tageszeitung "taz" übel, dass er sich darin "im Nachhinein zum deutschen Angriffskrieg bekannte".
Das "Wunder von Bern" hätte es vielleicht nie gegeben, wäre nicht ein Wunder vor Bern geschehen. 1945 geriet Fritz Walter in russische Kriegsgefangenschaft. Hätten ihn im rumänischen Lager Marmaros-Szigett nicht ungarische (!) und slowakische Wachsoldaten erkannt, er wäre wohl in Sibirien gelandet. Der fußballverrückte Major Schukow ordnete an, den prominenten Gefangenen zurück nach Deutschland zu schicken. Der Weg zum Wunder von Bern war frei …
Oben: Fritz Walter (links), Horst Eckel (Mitte) und Sepp Herberger werden nach dem Finale in Bern auf Schultern getragen.
Unten: Der ungarische Kapitän Puskas gratuliert Fritz Walter.