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WM 2006

12.03.2010 | 14:41 Uhr

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Nachrichten - Deutsches Team

Sieg nach Elfmeterschießen gegen Argentinien

Deutschland gewinnt die Nervenschlacht

Von Christian Hornung

Sie haben 120 Minuten lang gekämpft und sind dafür belohnt worden. Deutschland hat nach einem Elfmeter-Drama gegen Argentinien das Halbfinale erreicht. Jens Lehmann hielt beim 5:3 zwei Elfmeter, nachdem ihm Oliver Kahn zuvor Mut zugesprochen hatte.

Arne Friedrich grätscht gegen Carlos Tevez (r.); Rechte: dpa Die Claims wurden abgesteckt: Arne Friedrich grätscht Carlos Tevez (r.) ab.

Vom vorweggenommenen Endspiel hatten vor der Partie die Experten gesprochen. Ohne Zweifel trafen in Berlin die beiden Teams aufeinander, die die Fans bei dieser Weltmeisterschaft mit Abstand am besten unterhalten hatten. Auf technische Feinheiten mussten die 72.000 im Olympiastadion aber lange warten. Vom Anpfiff weg ging es zunächst ausschließlich darum, sich Respekt zu verschaffen und in den Zweikämpfen Zeichen zu setzen. Schon nach zwei Minuten sah Schiedsrichter Lubos Michel die Notwendigkeit, beide Kapitäne zu einem klärenden Gespräch zu versammeln. Zu Lukas Podolski hatte sich die Friedensbotschaft nicht gleich herumgesprochen - er sah nach einem harten Einsatz gegen Luis Gonzalez in der 4. Minute die Gelbe Karte. Dass er es auch mit fußballerischen Mitteln kann, zeigte der Neu-Bayer drei Minuten später: Argentiniens Schlussmann Roberto Abbondanzieri konnte seinen Freistoß erst im Nachfassen entschärfen.

Ballack am Winkel vorbei

Dieser Schuss war offenbar der Weckruf für die Argentinier, die im Mittelfeld nun das Geschehen in die Hand nahmen. Die nächste Chance aber hatten die Deutschen. Bernd Schneider zirkelte eine Flanke genau auf den Kopf seines Freundes Michael Ballack, der nach einer Viertelstunde völlig freistehend knapp den rechten Winkel verfehlte. Genau das entsprach Jürgen Klinsmanns taktischer Vorgabe: hohe Bälle gegen die im Durchschnitt kleinste Turniermannschaft, bei der nur drei Feldspieler von der Natur mehr als 180 Zentimeter mitbekommen hatten.

Neutralisieren im Mittelfeld

Doch die Argentinier verstanden es bis auf diese eine Unachtsamkeit glänzend, die Deutschen gar nicht erst zu hohen Flanken kommen zu lassen. Es gab überhaupt keinen Raum für Kombinationen, die Außenbahnen wurden abgeriegelt, Michael Ballack in der Mitte als Passgeber kaltgestellt. Doch auch der Gastgeber störte die Offensivbemühungen der "Albiceleste" so effektiv, dass Jens Lehmann im kompletten ersten Durchgang keinen Ball halten musste. Besonders Torsten Frings, Philipp Lahm und der hochkonzentrierte Arne Friedrich räumten Juan Roman Riquelme, Maxi Rodriguez und Juan Pablo Sorin schon vor den Innenverteidigern konsequent ab. So neutralisierten sich beide Teams weitgehend zwischen beiden Strafräumen, was vor dem Turnier sicher schon als großartiger Erfolg für die Deutschen bewertet worden wäre.

Schock durch Ayala

"Wir stehen hinten gut, müssen aber mehr nach vorne machen", kommentierte Co-Trainer Jogi Löw zur Halbzeit. Zumindest den ersten Teil seiner Analyse hätte er fünf Minuten später nicht mehr wiederholt. Nach einer Ecke von Riquelme stand ausgerechnet der bisher so überragende Miroslav Klose nicht nah genug beim aufgerückten Roberto Ayala, und der 1,77 Meter kleine Verteidiger köpfte den Ball unhaltbar für Lehmann zum 1:0 ein. Es war das erste Mal in diesem Turnier, dass die deutsche Mannschaft einem Rückstand hinterher laufen musste, und sie tat das mit dem gewohnten Enthusiasmus.

Aus für Abbondanzieri

Der lange Zeit recht blasse Ballack hatte nach gut einer Stunde die große Chance zum Ausgleich, als Abbondanzieri nach einem Luftduell mit Miroslav Klose am Ball vorbeigegriffen hatte. Doch sein Schuss traf nur Ayala in den Rücken. Folgen hatte diese Szene trotzdem, denn der Keeper zog sich eine Hüftprellung zu und musste 20 Minuten vor dem Ende ausgewechselt werden. Die nächste Gelegenheit hatten aber die Argentinier, ausgerechnet nachdem José Pekermann mit der Auswechslung von Riquelme die Zeichen auf "Mauern" gestellt hatte. Lahm brachte mit einem krassen Fehlpass Rodriguez ins Spiel, doch der zielte aus spitzem Winkel nur ans rechte Außennetz (73.).

Kloses fünftes WM-Tor

Miroslav Klose jubelt; Rechte: dpa Es geht doch! Miroslav Klose bejubelt sein fünftes WM-Tor.

"Wir müssen und werden auch in Rückstand kühlen Kopf bewahren", hatte Jürgen Klinsmann vor der Partie gesagt. Und er sollte tatsächlich Recht behalten. Mit der Einwechslung von David Odonkor und Tim Borowski stellte der Trainer die Zeichen auf totale Offensive, und sein Mut wurde belohnt. Nach Ballacks Linksflanke verlängerte Borowski den Ball maßgenau auf Klose, der mit einem wuchtigen Kopfball ins linke Ecke den kaum noch für möglich gehaltenen Ausgleich erzielte (80.). Es war Kloses fünfter WM-Treffer - und das Olympiastadion bebte.

Angst vor dem Fehler

In der Verlängerung sahen die Zuschauer eine Kopie der ersten Halbzeit: Neutralität auf hohem Niveau, niemand wollte den entscheidenden Fehler machen. So ergaben sich im ersten Durchgang kaum Torszenen, ein Kopfball von Christoph Metzelder knapp über das Gehäuse war die einzig nennenswerte Offensivaktion. Die Argentinier beschränkten sich fast ausschließlich auf die Kontrolle des Mittelfeldes, erst sieben Minuten vor dem Ende gab Fabricio Coloccini mal wieder einen Distanzschuss knapp neben das Tor ab. Daran hatte der Verteidiger offenbar so viel Gefallen gefunden, dass er es kurz danach erneut versuchte - der Ball, den Lehmann aber gehalten hätte, tropfte auf die Latte. In der 120. Minute bereinigte dann Michael Ballack die letzte prekäre Situation. Es war eine Szene, die den großartigen Kampf der Deutschen symbolisierte: Der Kapitän konnte wegen seiner erneut aufgebrochenen Wadenverletzung bereits seit der 65. Minute kaum noch laufen.

Lehmann der Held

Dass Ballack dennoch zum Elfmeterschießen antrat, dürfte auch die letzten Zweifler an seiner Weltklasse endgültig zum Schweigen bringen. Doch auch Oliver Kahn wurde noch zum Held. Er sprach vor den entscheidenden Schüssen Jens Lehmann Mut zu, prompt hielt der Keeper die Schüsse von Ayala und Esteban Cambiasso. Für Deutschland verwandelten neben Ballack Oliver Neuville, Lukas Podolski und Tim Borowski. Danach erlebte die faire Partie leider noch einen Skandal, als argentinische Spieler und Bertreuer an der Seitenlinie auf Teammanager Oliver Bierhoff losgingen. Dafür sah Ersatzspieler Leandro Cufre nachträglich die Rote Karte vom souverän leitenden Schiedsrichter Lubos Michel. Zum Glück beruhigte sich die Szene schnell - und nach wenigen Minuten war im Olympistadion nur noch Partystimmung angesagt.

Stand: 30.06.2006, 21:04 Uhr

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