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Schwimmen
Trainingssteuerung auf dem Weg zur Schwimm-WM in Rom
"Der DSV hat endlich umgedacht"
Von Christian Hornung
Anne Poleska mit ihrer brutalen Schule aus den USA galt im deutschen Schwimm-Team jahrelang als Vorbild in Sachen Wettkampfhärte. Der Rest der Mannschaft ging die Planung auf Großereignisse eher "weich" an - und dann allzuoft buchstäblich baden. Vor der WM in Rom (17. Juli bis 2. August 2009) hat sich die Philosophie offenbar geändert.
Coach Dirk Lange zieht beim DSV eine harte Linie durch.
Alle Jahre wieder. Auch diesmal gab es wieder einige Athleten im deutschen Schwimmverband, die die harten Qualifikationszeiten für die Weltmeisterschaft kritisierten. Ihr Argument: Dann müssen wir unseren Höhepunkt schon einen Monat vorher bei den Deutschen Meisterschaften ansetzen, um die Norm zu schaffen. Und sind dann später bei der WM nicht mehr auf dem Leistungs-Höhepunkt. Ähnliches hörten die Fans gerade von den Leichtathleten vor ihren Festspielen in Berlin.
Den Schwimmern fuhr ihr eigener Bundestrainer in die Parade: "Was soll das, wenn wir Normen ansetzen, mit denen die Leute nicht mehr unter die ersten Zwanzig kommen?", polterte Dirk Lange. "Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, wir können uns solche Platzierungen nicht erlauben. Der Steuerzahler und andere Geldgeber erwarten Leistungen." Damit führte er die Linie fort, an der zuletzt der ungeliebte, aber visionäre Sportdirektor Örjan Madsen scheiterte. Harte Normen, Top-Form auch schon vier Wochen vor dem Großereignis. Aber schließt das tatsächlich Bestzeiten in Rom aus? sport.ARD.de sprach darüber mit einem Sport-Wissenschaftler.
"Auch Wettkämpfe üben"
Dr. Andreas Bieder ist der Schwimm-Experte der Deutschen Sporthochschule in Köln. Er stellt gleich klar, dass er den Kurs von Dirk Lange für den richtigen hält: "Es ist gut, dass der DSV umgedacht hat, es musste sich etwas ändern. Denn klar ist: Man muss auch Wettkämpfe üben." Das bedeute jedoch nicht das vollständige Ende der "Taper-Phase", die im DDR-Sport etwas schmuckloser mit "UWV " abgekürzt wurde: Unmittelbare Wettkampf-Vorbereitung.
Bieder erklärt das Tapern, das für eine Reihe von Athleten exakt in diesen Tagen beginnt: "In dieser Zeit wird der Trainingsumfang stark zurückgeschraubt. Von vielleicht zehn Kilometer linear nach unten bis auf zwei, drei Kilometer. Zwischendurch werden aber immer wieder Reize gesetzt, um die Enzyme zu kitzeln und dem Schwimmer mit hoch-intensiven Zeit-Tests vor Augen zu führen, dass er es drauf hat und nicht die Form verliert."
Dem Gegner auf die Bahn spucken
Und noch ein Wettkampf - Helge Meeuw wählt den anstrengenden Weg.
Doch wo beispielsweise für ältere, muskelbepackte Kurzstrecken-Athleten - Prototyp war Ex-Weltmeister Mark Warnecke - mindestens vier Wochen Taper-Phase gut sind, geht ein Helge Meeuw ebenso wie zehn weitere WM-Teilnehmer nun den anderen Weg: Er hat zwischen die Deutschen Meisterschaften und Rom sogar noch einen Wettkampf geschaltet - und startet zur Zeit bei der Universiade in Belgrad. Bieder findet das gut: "Es ist so wichtig, sich diese Wettkamphärte zu holen. Zu wissen, was am Startblock los ist, sich auch auf schlechte Bedingungen wie Wind bei einem Freiwasser-Event einzustellen. Auf die Fahrerei von einem Ort zum anderen. Auf den Druck aus der eigenen Mannschaft. Und auf die Gegner. Bei den Amerikanern sind Typen dabei, die spucken ihrem Gegner vor dem Start auf deren Bahn, um Eindruck zu schinden. Wenn du sowas nicht gewohnt bist, kann es dich komplett aus dem aus dem Rhythmus bringen."
Druck ist schön
Anne Poleska war am besten, wenn der Druck am größten war.
Stets unbeeindruckt war im DSV-Team die langjährige Aktivensprecherin Anne Poleska aus Krefeld. Sie holte beispielsweise beim Olympia-Debakel 2004 in Athen die einzige Einzel-Medaille für Deutschland: Bronze über 200 Meter Brust. Sie erklärte mal in einem sport.ARD.de-Interview: "In Amerika lernst du, dass Wettkämpfe keine Belastung, kein Druck sind, unter dem in Deutschland viele leiden. In den USA liebt man die Herausforderung, man sucht sie und wächst an ihr." Dr. Bieder nickt: "Das ist genau der richtige Weg. Viele Wettkämpfe, aber natürlich auch die rechtzeitige Leistungsreduzierung vor dem Tag X." Dazu bleiben Helge Meeuw nach der Universiade immer noch gut zwei Wochen. Bis jetzt hat er seine Top-Form jedenfalls nicht verloren, sondern sogar noch ausgebaut: Am Dienstag (07.07.09) stellte er in Belgrad über 100 Meter Rücken in 52,94 Sekunden einen Deutschen Rekord auf. Sein Weg nach Rom scheint der richtige zu sein.
Stand: 08.07.2009, 08:00
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