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Walter Tröger im Interview über das DDR-Dopingsystem
"Vergangenheit ist irrelevant und vergeben"
Walter Tröger, langjähriger Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, spricht im Interview über den Umgang mit noch aktiven Trainern des DDR-Dopingsystems.
Walter Tröger
Herr Tröger, fast 20 Jahre sind seit der Wiedervereinigung vergangen, aber immer noch diskutieren Sportfunktionäre, Politiker und DDR-Dopingopfer darüber, wie man mit heute noch aktiven Trainern des ehemaligen DDR-Dopingsystems umgehen sollte. Wie könnte Ihrer Meinung nach eine Lösung aussehen?
Walter Tröger: "Es ist selbstverständlich, dass man irgendwann mal eine Lösung finden muss, auch im Rahmen unserer Rechtsverfassung und Rechtsauffassung. Mir geht es heute nach 20 Jahren nicht darum, was jemand früher mal gemacht hat, sondern ob er verdächtig ist, ob er Doping fortgesetzt hat und dass sicher ist, dass er es auch in Zukunft nicht tun wird. Das können natürlich dann nur Vermutungen sein."
Verstehe ich Sie richtig, dass das heißen würde, die Vergangenheit, die DDR-Dopingvergangenheit von Trainern, die heute noch tätig sind, ist eigentlich irrelevant?
Tröger: "Die ist irrelevant und die ist vergeben. Jemand, der vor 15 Jahren jemanden umgebracht hat, der wird in der Regel, wenn es nicht ganz schlimme Verstöße waren, nach 15 Jahren - auch bei lebenslänglicher Strafe - freigelassen. Er ist dann im Besitz sämtlicher Rechte, die in unserem Lande ein Individuum haben kann, und warum kann das nicht auch bei anderen gemacht werden, die sich weit weniger zu Schulde haben kommen lassen."
Ist also für Sie eine Generalamnestie für ehemalige DDR-Dopingtrainer denkbar?
Tröger: "Amnestie würde ich es nicht nennen. Aber man muss jetzt eine Lösung finden, und die muss auch mit einer Erklärung zusammenhängen, die dann auch rechtsfest ist, wenn gegen diese Erklärung verstoßen wird."
Sechs ehemalige Trainer der DDR, die heute noch in der Leichtathletik tätig sind, haben gerade einen solche Erklärung ausgearbeitet, in der sie sich offenbar auch für ihre Taten in der DDR entschuldigen. Ist diese zumindest schriftlich verfasste Reue für Sie zielführend?
Tröger: "Das Einbringen von Reue in diese Geschichte finde ich absurd. Wir sind keine Richter, ich fühle mich überhaupt nicht veranlasst, jemand zu fragen, ob er bereut, was er getan hat. Natürlich gibt es das Verhältnis zwischen denen, die Doping angewandt haben oder angewandt haben sollen und den Opfern. In diesem Verhältnis muss auch darüber nachgedacht werden, ob man nicht die Dopingtäter verpflichten kann, sich irgendwie auseinanderzusetzen mit den Dopingopfern. Aber das ist nicht unsere Frage."
Aber hat nicht auch der Sport eine moralische Verpflichtung?
Tröger: "Der Sport hat eine moralische Verpflichtung, aber die kann doch nicht über allgemeine Rechtsgrundsätze hinweggehen. Wir haben auch eine moralische Verpflichtung gegenüber denen, die wir sanktioniert haben, denen wir die Berufsausübung versagt haben, weil sie einmal etwas getan haben, was nach allgemeiner Auffassung nicht in Ordnung war. Aber irgendwann muss das ein Ende haben."
Die meisten heute noch aktiven ehemaligen DDR-Dopingtrainer haben 20 Jahre nichts gesagt zu ihrer Vergangenheit.
Tröger: "Das war wohl eine Risikoabwägung. Wenn es nicht rauskommt, dann leben sie sicherer, dann besteht die Gefahr nicht, dass sie ihren Job verlieren oder dass sie keine öffentlichen Mittel bekommen können. Es ist die Angst vor dem Risiko, bei etwas ertappt zu werden. Die Unsicherheit, auf Lebenszeit ausgeschlossen zu werden aus dem Beruf, den man liebt. Das hat dazu geführt - was ich menschlich verständlich finde - dass man sich nicht gezeigt hat."
Die Trainer haben 20 Jahre profitiert und sollen jetzt mit einer einfachen Erklärung davonkommen, sagen DDR-Dopingopfer.
Tröger: "Nicht nur sie haben profitiert, auch wir haben profitiert. Der deutsche Sport insgesamt. Denn immerhin waren die Trainer, die wir eingestellt haben, ja erstklassige Trainer gewesen."
Das Gespräch führte Florian Bauer
Stand: 06.04.2009, 14:44
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