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18.03.2010 | 20.03 Uhr

Aktuell

Ex-WADA-Präsident Pound lehnt Diplomatie gegenüber Dopern ab

"Wenn ihr kein Fairplay macht, verpisst euch!"

Im Februar 1999 wurde die Welt-Anti-Doping-Agentur gegründet. Acht Jahre lang stand an ihrer Spitze Richard "Dick" Pound. Ende 2007 trat der Kanadier als WADA-Präsident nicht zur Wiederwahl an. Doch nach wie vor hat er eine Meinung zur WADA, zum Doping allgemein und zum Radsport. Und zwar eine ziemlich eindeutige.

Der Mitbegründer und langjährige Präsident der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA), Richard "Dick" Pound, hat sich mit deutlichen Worten zum Anti-Doping-Kampf in der Öffentlichkeit zurückgemeldet. Pound, der Ende 2007 nach acht Jahren im Amt als WADA-Chef nicht mehr zur Wiederwahl angetreten war, sagte in einem Interview mit Europas größtem Radsportmagazin Procycling (Augustausgabe) in Richtung dopender Sportler: "Wenn ihr kein Fairplay macht, verpisst euch! Wir wollen euch nicht."

Der ehemalige Sportchef der Berliner Zeitung und heutige freie Journalist Jens Weinreich nannte den 67-Jährigen mal einen "sympathischen Schweinehund". Es war als Anerkennung in höchster Form gemeint. Im Gegensatz zu manch' anderem Chef eines nationalen oder internationalen Sportverbandes ist dem Kanadier jegliche Form des Klüngels zuwider. "Ich glaube, im Sport gibt es ein großes Interesse daran, den Status quo einfach beizubehalten und kein Fass aufzumachen", wird der ehemalige Schwimmer in Procycling zitiert: "Wenn Sie Präsident eines nationalen Verbandes sind, werden Sie nicht wiedergewählt, wenn Sie für Unruhe sorgen. Und das Ziel der meisten Präsidenten ist, wiedergewählt zu werden."

"Mit Dopern muss man nicht diplomatisch umgehen."

Nicht so bei Dick Pound. In seinen acht Jahren als WADA-Präsident hat er nicht nur keinen Cent für seine Aufgabe kassiert, sondern sich auch mit jedem angelegt, der im Anti-Doping-Kampf mauscheln oder vertuschen wollte. Egal, ob es sich dabei um mehr als umstrittene Spitzenathleten wie Lance Armstrong oder korrupte Super-Funktionäre wie den Koreaner Kim Un Yong handelte - Glacé-Handschuhe gab und gibt es für ihn nicht: "Ich denke, dass Doping nie zufällig ist - oder zu 99,9 Prozent nicht. Sie haben es mit Leuten zu tun, die absichtlich betrügen, und zwar auf organisierte Weise und zu bestimmten Zwecken. Mit ihnen muss man nicht diplomatisch umgehen." In diesem Zusammenhang geht Pound auch mit der so genannten "Operación Puerto" der spanischen Ermittlungsbehörden hart ins Gericht.

Hintergrund: Die "Operación Puerto" und der Fuentes-Skandal

Zum Hintergrund: Im Mai 2006 hatten spanische Ermittler mit der Festnahme des Teammanagers des Radrennstalls Liberty-Seguros, Manolo Saiz, den bis dato wohl größten Doping-Skandal ausgelöst. Saiz wurde dabei erwischt, wie er anscheinend Dopingmittel bei dem als Gynäkologe praktizierenden Arzt Eufemiano Fuentes kaufen wollte. In Fuentes' Praxis wurden zahlreiche Blutbeutel und Notizen sichergestellt. Ende 2006 drohte die Affäre im Sand zu verlaufen, als sämtliche sportrechtliche Verfahren aus Mangel an Beweisen eingestellt wurden. Bis heute wird vermutet, dass neben Radfahrern auch prominente Fußball-Profis und weitere internationale Spitzensportler Fuentes-Kunden gewesen sind. Das Interesse vieler mächtiger nationaler und internationaler Sportverbände an der Vertuschung des Skandals ist daher offensichtlich hoch.

Am 10. März 2007 wurden sämtliche Strafprozesse im Zusammenhang mit dem Fuentes-Skandal in Spanien wegen eines fehlenden Anti-Doping-Gesetzes eingestellt. Jedoch erhielten danach auch ausländische Gerichte Akteneinsicht und die Blutbeutel. So identifizierte zum Beispiel im April 2007 die Staatsanwaltschaft Bonn Jan Ullrich per DNA-Abgleich als Fuentes-Kunde. Einen Monat später gab Ivan Basso als erster Verdächtiger zu, zur Klientel des Arztes gehört zu haben. Bis heute können verschiedene Kürzel auf Blutbeuteln und in Unterlagen des Arztes zwar mit zum Teil auch noch aktiven Fahrern in Verbindung gebracht werden, allerdings ist eine eindeutige Zuordnung und die damit verbundene Überführung von Radprofis offenbar nicht möglich. Einige Beweismaterialen sind zudem mysteriöserweise plötzlich spurlos verschwunden.

"Die Spanier haben es verbockt. Einfach zugedeckt."

Im aktuellen Heft von Procycling sagt Dick Pound dazu: "Ich glaube wirklich, dass die Spanier es verbockt haben. [ ...] Die spanischen Behörden haben es einfach zugedeckt, waren nicht kooperativ und haben die Informationen nicht an Sportverbände weitergeleitet, die tatsächlich etwas damit hätten anfangen können." Allerdings ist sich der Ex-WADA-Chef bewusst, dass dies auch nicht zwangsläufig zur Aufklärung des Skandals beigetragen hätte: "Es gibt auf jeden Fall einen offensichtlichen Unwillen auf Seiten einiger Sportverbände, auf die erhaltenen Informationen zu reagieren."

"Vier Jahre Doping-Sperre - auch für Ersttäter"

Pound, der mittlerweile in Montreal, wo auch die WADA sitzt, wieder als "normaler" Jurist arbeitet, darüber hinaus aber mit der Präsidentschaft des Internationalen Sportgerichtshofes CAS in Lausanne liebäugelt ("Ich würde erstmals im IOC in einem Bereich arbeiten, von dem ich was verstehe ..."), liegt derzeit auch mit dem Weltradsportverband UCI im Rechtsstreit. Grund: Pound hatte mehrfach gesagt, der Radsport habe ein Dopingproblem. Die UCI klagte gegen diese ihrer Meinung nach "andauernden abträglichen und voreingenommenen Kommentare", obwohl ihr derzeitiger Präsident Pat McQuaid selbst von der "Geißel des Dopings" spricht.

Pound sieht daher dem Prozess gelassen entgegen und macht im Procycling -Magazin deutlich: "Ich finde es langweilig, wenn der Radsport verkündet, er habe einen neuen Weg eingeschlagen, das Peloton sei sauber, es gebe kein Doping mehr und diese Ära sei vorbei." Die Wahrheit sei wohl vielmehr, dass es neue Doping-Sorten gebe, von denen die Fahrer glauben, dass sie nicht entdeckt werden könnten. Und weil er sich sicher ist, dass Doping stets bewusst eingesetzt wird, fordert Pound die Maximalsperre von vier Jahren - auch für Ersttäter. Die werden bisher in der Regel mit zwei Jahren Ausschluss belegt. Leistungsfördernde Stereoide wirkten im Körper aber vier oder fünf Jahre, sagt Pound: "Wenn du also nur eine ein- oder zweijährige Sperre bekommst, hast Du immer noch zwei oder drei Jahre, wo du von dem Betrug profitierst, aber nicht mehr bestraft wirst." Jemanden wegen Dopings ins Gefängnis zu stecken, lehnt der Jurist eigentlich ab: "Obwohl ich glaube, dass man im Profisport seinen Konkurrenten praktisch Geld stiehlt. Wenn das einen Diebstahl darstellt, sollte es vielleicht strafrechtlich verfolgt werden."

"Als die WADA gegründet wurde, waren alle enthusiastisch"

Der Kanadier hat auch eineinhalb Jahre nach seinem Ausscheiden als WADA-Präsident den Traum vom dopingfreien Sport noch nicht ausgeträumt. Auch wenn er einräumt, dass es heute vielleicht schwerer sei, handlungswillige Verbündete zu gewinnen. Denn als die WADA im Februar 1999 gegründet worden ist, "waren alle enthusiastisch", erinnert er sich in Procycling: "Wir haben einen Code eingeführt, für die UNESCO-Konvention gesorgt und es gibt viel Interesse in der Forschung." Ingesamt sei damals viel bewegt worden, sagt Pound: "Das Problem bei einer reifer werdenden Organisation ist, dass die Leute alles als selbstverständlich betrachten." Gedopt wird derweil weiter, weiß Pound. Ein Traumtänzer ist er nicht.

red / Radsport-Magazin "Procycling" | Stand: 31.07.2009, 13:01

 

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