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Tour-Bilanz 2009
Im Banne des Texaners
Von Michael Ostermann
Lance Armstrong hat die Tour nicht gewonnen, aber er hat sie geprägt. Seine Rückkehr hat den schönen Schein wieder hergestellt, der dem Rennen abhanden gekommen war.
Da standen sie nun also auf dem Podium, die Protagonisten dieser Tour. Die Spätnachmittagssonne tauchte sie in ein warmes Licht, im Hintergrund wirkte der Arc de Triomphe immer noch mächtig. In der Mitte Alberto Contador im gelben Oberteil, dem "Maillot Jaune", den nicht einmal die falsche Hymne mehr irritieren konnte, rechts neben ihm Andy Schleck und links Lance Armstrong. "Ein historisches Bild", wie Contador glaubt. Mit ihm, dem 26 Jahre alten Spanier im Zentrum - zumindest auf den abschließenden Fotos. Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit des Radsports vereint nebeneinander. Contador und Schleck, deren Duell in den kommenden Jahren wohl die Tour bestimmen wird. Und Armstrong der siebenmalige Toursieger, nach drei Jahren Pause im Alter von 37 Jahren zurückgekehrt nach Frankreich und am Ende Dritter.
Zorn in Arcalis
Zum achten Mal stand Armstrong auf den Champs-Élysées auf dem Podium. Wieder ein Rekord. Wenn auch einer, den er sich mit dem Franzosen Raymond Poulidor teilen muss, der allerdings nie im Gelben Trikot in Paris ankam. "Der dritte Platz ist nicht schlecht für einen alten Sack wie mich", kokettierte Armstrong. Natürlich hatte er gehofft, am Ende wieder ganz oben zu stehen. Der Texaner verliert nicht gerne, auch im hohen Radsportalter nicht. Auch wenn er in den vergangenen Tagen stets betonte, er sei mit der Welt im Reinen. "Ich liebe mein Leben, ich mache das, was ich mag. Ich muss nichts beweisen."
Zu dieser Einsicht war Armstrong allerdings erst gegen Ende der Tour gekommen, als klar war, dass er an Contador nicht vorbeikommen würde. Fast zwei Wochen waren da vergangen, in denen Armstrong keine Gelegenheit ausgelassen hatte, Contador verbal zu attackieren. Welches der psychologisch schwierigste Moment bei dieser Tour gewesen sei, wurde der Spanier gefragt. "Der Tag nach der Etappe nach Andorra-Arcalis", lautete seine Antwort. In Arcalis hatte Contador auf dem Schlussanstieg attackiert und damit den Zorn seines amerikanischen Teamkollegen auf sich gezogen. Zu gerne hätte sich Armstrong an diesem Tag noch einmal das Gelbe Trikot angezogen, danach hatte er darauf keine Chance mehr. Doch Contador musste einen Konter seines Teamkollegen befürchten.
Herrscher über die Schlagzeilen
Am Ende war es dem Texaner vor allem wichtig, den Platz auf dem Podium zu sichern. Denn mit dem dritten Platz hat Armstrong ein Zeichen gesetzt: Nicht viele hatten ihm zugetraut, überhaupt auf das Podium zu kommen. Nun aber hat er seinen Machtanspruch noch einmal unterstrichen. 2010 wird er zurückkommen mit seinem eigenen Team, das den Namen Radio Shack tragen wird. Es wird eine Mannschaft sein, die Armstrong zu seinem achten Tour-Triumph verhelfen soll. Contador wird dann sein Gegner sein.
Schon jetzt beherrscht der Amerikaner die Schlagzeilen. "Hut ab dem Texaner", titelte die französische Sportzeitung L'Equipe am Sonntag, jenem Tag, an dem Contadors Triumph endgültig feststand. Das Tourorgan widmete dem Dritten fast drei Seiten, der Sieger der Veranstaltung tauchte erst auf Seite vier auf. Damit huldigte ausgerechnet jene Zeitung dem umstrittenen Amerikaner, die 2005 nach dessen Rücktritt den bislang schwersten Dopingverdacht gegen Armstrong öffentlich machte. Damals konnten dem Rekordsieger sechs nachträglich positiv auf EPO getestete Urinproben aus dem Jahr 1999 zugeordnet werden.
Doping? Welches Doping?
Von Doping aber wurde bei dieser Tour ohnehin kaum mehr gesprochen. Nach drei Skandaljahren tourte der radelnde Wanderzirkus wieder als fröhliches Fest durch die Lande. Kein einziger Fahrer musste diesmal wegen eines positiven Dopingtests aussortiert werden. Und natürlich liegt das auch an Armstrong, glaubt Armstrong. Als der ehemalige Chef des Tourveranstalters Amaury Sport Organisation (ASO), Patrice Clerc, erklärte, mit dem Mann aus Texas kehre die schlechte Vergangenheit des Radsports zurück, geriet Armstrong das einzige Mal in Rage. Er sei drei Jahre nicht da gewesen und in diesen Jahren habe das blanke Chaos geherrscht, nun sei er wieder zurück und alles wieder gut. So schnell geht das, Armstrong sei Dank!
Der Amerikaner versteht es, Strippen zu ziehen und er weiß um seine Wirkung. Sein Comeback hat das Bild einer strahlenden Veranstaltung produziert. Und die Tourveranstalter, die anfangs skeptisch waren, als Armstrong seine Rückkehr ankündigte, dürften nun begeistert sein. Der Mann hat ihre gebeutelte Veranstaltung gerettet. Schon wieder! Wie 1999, als er ein Jahr nach dem Festina-Skandal die Tour gewann. Der Mann, der den Krebs besiegte. Auch damals durfte nichts die Geschichte stören und eine positive Probe auf Kortison wurde mit eine rückdatierten Ausnahmegenehmigung wegen Sitzbeschwerden beiseite gelegt. Auch diesmal durfte nichts die L.A.-Show stören. Die ASO hatte dafür im Vorfeld ihren Frieden mit dem Weltradsportverband UCI gemacht und in der hauseigenen Zeitung "L'Equipe" die Dopingberichterstattung an den Rand gedrängt. Der Texaner hat mit seinem Comeback eine Restauration eingeleitet. Auf den Bildern von den Champs-Élysées steht er nicht im Zentrum, aber Armstrong bildet trotzdem den Mittelpunkt. Und 2010 geht es weiter.
Stand: 27.07.2009, 20:35
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