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Mysteriöse Abfall-Funde in Teamhotels geben Anlass zu großer Sorge
Zwei neue Präparate werfen Schatten auf die Tour
Die französische Anti-Doping-Agentur AFLD glaubt nicht, dass die Tour 2009 ohne den Einsatz verbotener Substanzen gefahren wurde. Neben "herkömmlichem" Blutdoping könnten auch zwei neue Mittel zum Einsatz gekommen sein, die der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA und deutschen Doping-Forschern bestens bekannt sind. Allein der Nachweis bereitet noch Probleme. Offenbar wurden verdächtige Substanzen in den Hotelmülleimern diverser Tourteams gefunden.
Pierre Bordry, Präsident der französischen Anti-Doping-Agentur (AFLD), glaubt, dass trotz bisher ausschließlich negativer Dopingtests auch bei der am vergangenen Sonntag (26. Juli) zu Ende gegangenen 96. Tour de France der Radprofis mit verbotenen Substanzen gearbeitet wurde. Der AFLD-Chef sagte der französischen Zeitung Le Monde, Beobachter der AFLD hätten während der Frankreich-Rundfahrt in Mülleimern einiger Teams diverse verbotene Substanzen gefunden. "Wir haben starke Medikamente gefunden", wird Bordry in Le Monde zitiert: "Unter anderem eine Substanz, die Insulin produziert und normalerweise bei Diabetes genommen wird."
Die Dopingkontrollen bei der Tour lagen in diesem Jahr in der Verantwortung des Weltverbandes UCI. Die AFLD will jedoch die genommenen Proben nachkontrollieren, sobald weitere Testverfahren entwickelt worden sind. "Wir sind der Überzeugung, dass bei dieser Tour zwei Medikamente benutzt wurden, die noch gar nicht auf dem Markt sind", sagte Bordry dazu. Nach Recherchen von Le Monde handelt es sich dabei unter anderem um ein Mittel mit dem Namen "Hematide". Das Präparat kommt wohl erst 2010 oder 2011 in den Handel, erfreut sich aber in Athleten-Kreisen offenbar schon so großer Beliebtheit, dass es seit diesem Jahr ausdrücklich auf der "Liste der verbotenen Wirkstoffe und verbotenen Methoden" der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA geführt wird. Professor Horst Pagel vom Institut für Physiologie an der Universität Lübeck hatte bereits im Februar im Online-Magazin Ärztliche Praxis gesagt: "Ich habe Hinweise bekommen, dass einzelne Athleten auf Hematide umgestiegen sind."
Doping-Forscher Geyer: "Hematide ist kein EPO, wirkt aber so!"
"Hematide" soll irgendwann bei Patienten mit Blutarmut (Anämie) eingesetzt werden. Es handelt sich dabei um ein so genanntes EPO-Mimetikum; also ein Nachahmer-Präparat, das sich chemisch vom EPO-Molekül unterscheidet, im Körper aber dieselben oder vergleichbare Folgen nach sich zieht.
"Hematide ist ausdrücklich kein EPO", stellt Dr. Hans Geyer, stellvertretender Leiter des biochemischen Instituts an der Sporthochschule Köln, klar: "Auch kein EPO der dritten Generation." Unter EPO (Erythropoetin) versteht man ein künstlich hergestelltes Mittel zur Erhöhung der Anzahl der roten Blutkörperchen (Erythrozyten) und damit der Sauerstoff-Aufnahmefähigkeit des Blutes. Geyer erklärt in diesem Zusammenhang: "Es handelt sich bei Hematide überhaupt nicht um EPO. Aber es hat eine ähnliche Wirkung."
Vor allem aber ist es noch nicht nachweisbar. Besonders diese Tatsache dürfte das Präparat bei einigen Sportlern so begehrt sein lassen, dass sie auch die Risiken in Kauf nehmen: Doping-Experten warnen nämlich nachdrücklich vor dem Missbrauch des Mittels, das zum einen noch in der klinischen Erprobungsphase ist und somit eigentlich überhaupt noch nicht frei zugänglich sein dürfte. Zum anderen sind etwaige Nebenwirkungen noch nicht abzusehen.
Kölner Wissenschaftler glauben: "Hematide bald nachweisbar"
Doch derlei Fakten schrecken offenbar nicht ab, wenn für die Athleten die Aussicht besteht, beim Doping unentdeckt zu bleiben. Und das ist bei Hematide der Fall. Dr. Hans Geyer erklärt, dass dem Doping-Analyse-Labor seines Institutes bisher "leider kein Referenzmaterial zur Verfügung gestellt worden ist, weder über die Hersteller-Firma Affymax, noch über die WADA". Möglich sei aber, dass die Welt-Anti-Doping-Agentur mit einem anderen Labor eine Kooperation eingegangen sei und diesem entsprechendes Material zur Verfügung gestellt habe, so Geyer: "Es kann aber nicht mehr lange dauern, bis es Nachweiseverfahren gibt."
"Aicar" verbessert die Ausdauer der Muskeln
Das zweite "neue" Mittel, das bei der Tour zum Einsatz gekommen sein soll, trägt den Namen Aicar (Aminoimidazol-Carboxamid-Ribonukleosid). "Es verbessert die Ausdauerleistung", erklärt Geyer. Und im Unterschied zu Hematide wirkt Aicar nicht im Blut, sondern im Muskel. "Wir haben bereits Nachweismethoden entwickelt", sagt der Dopingforscher, fügt jedoch hinzu: "Aicar ist gut nachzuweisen, das Problem besteht aber darin, die Zuführung von außen zu belegen, da es nicht vom natürlichen körpereigen-produzierten Stoff zu unterscheiden ist." Und Geyer sagt: "Das Medikament muss außerdem in sehr großen Mengen genommen werden, damit es überhaupt die entsprechende Wirkung hat." Aber wenn das der Fall ist, dann ist das Ergebnis enorm: Bei Mäusen wurde die Laufleistung um 40 Prozent erhöht, eine modifizierte Variante hatte sogar Leistungssteigerungen von 70 Prozent zur Folge.
Magere Fahrer sind kein Indiz für Doping
Darüber hinaus fördert Aicar, das auf der aktuellen Doping-Liste der WADA unter Gendoping geführt wird, auch die Fettverbrennung. AFLD-Präsident Bordry hatte in diesem Zusammenhang in der Le Monde angemerkt, er habe sich bei der Tour "gewundert, wie mager manche Fahrer sind". Vor derartigen Rückschlüssen warnt Doping-Experte Geyer ausdrücklich: "Man sollte sich davor hüten, vom äußeren Erscheinungsbild eines Fahrers auf Doping zu schließen!" Dennoch ist nicht auszuschließen, dass bei der Tour de France 2009 noch nachträglich Dopingfälle nachgewiesen werden. Ähnlich wie bei der Tour 2008 oder den Olympischen Spielen in Peking im Sommer des gleichen Jahres.
"Da die Proben heute über lange Zeit aufbewahrt werden, kann man diese nachträglich noch auf Stoffe testen, wenn entsprechende Nachweisverfahren entwickelt worden sind", sagt Dr. Hans Geyer. Vorausgesetzt, die Proben wurden bis dahin sachgerecht gelagert und sind nicht verdorben. AFLD-Chef Bordry zum Beispiel bedauert, dass die Wissenschaftler seiner Agentur bei der Tour nicht auf die Proben des Weltverbandes UCI zugreifen durften. Und auch nicht auf die von der französischen Anti-Doping-Agentur selbst genommenen. "Die Proben gehen direkt ans Labor", sagte Bordry, "dieses wendet sich dann wieder an die UCI - wir sind da leider bei unseren eigenen Tests außen vor. Wir müssen abwarten, ob und über was wir informiert werden." Und was dann dabei herauskommt.
Blutdoping-Experte: "Fahrer sollten sich nicht sicher sein"
Bei einer "herkömmlichen" Methode ist sich Bordry allerdings jetzt schon so gut wie sicher. "Es ist wahrscheinlich, dass es wieder Bluttransfusionen gab", sagte der 70-Jährige nach der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt. Unter diesem so genannten "Eigenblut-Doping" versteht man die Verabreichung von Vollblut oder von Zubereitungen, die rote Blutkörperchen enthalten. Ähnlich wie durch EPO-Medikamente wird so die Erythrozytenzahl im Blut erhöht, so dass mehr Sauerstoff transportiert werden kann. Zwar glaubt Bordry: "Für Blutdoping dürfte es bald Tests geben." Aber noch ist die Methode nicht nachweisbar. Wie wohl so viele.
Die Wissenschaftler vom Doping-Analyse-Labor in Köln machen keinen Hehl daraus, dass "sicher auch bei dieser Tour Methoden und Substanzen im Umlauf gewesen sind, für die es noch keine Testmöglichkeiten gibt", heißt es dort. Aber Dopingforscher Professor Dr. Mario Thevis vom biochemischen Institut der Deutschen Sporthochschule Köln sagt: "Wir brauchen zwar Zeit, um die Verfahren zu entwickeln. Aber die Fahrer sollten sich nicht zu sicher sein."
red / Le Monde | Stand: 29.07.2009, 10:45
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