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09.02.2010 | 19.40 Uhr

Aktuell

Die Tour feiert sich selbst

Zusammengepresste Lippen im Zirkus

Von Michael Ostermann

Die Franzosen feiern die Tour, Lance Armstrong und sich selbst. Dopingskandale sind kein Thema mehr. Nur die Deutschen stören die gute Stimmung.

Rinaldo Nocentini und ein Clown; Rechte: dpa Lupe groß

Ein großer Zirkus: Gelb-Träger Rinaldo Nocentini macht Spaß mit einem französischen Komiker

Cadel Evans hat sich hinter der Theke versteckt, wo direkt neben der Startlinie Kraftriegel und Getränke verteilt werden. Von dort beobachtet der Australier gemeinsam mit seinem Leibwächter wie sich der Rest des Pelotons peu à peu aufstellt. Es sind noch zwanzig Minuten bis zum Start. Zeit für zwei, drei Fragen noch. Evans rollt ein Stückchen nach vorne. Man stellt sich vor. Evans rollt wieder ein Stückchen nach hinten, er schüttelt den Kopf. Dann ziehen Daumen und Zeigefinger einen imaginären Reißverschluss über den zusammengepressten Lippen zu. Mit deutschen Journalisten redet Evans nicht. Keine Chance! Der Leibwächter bedeutet einem zu gehen.

Überall bunte Luftballons

Die deutschen Medien sind nicht wohl gelitten im Fahrerfeld. Sie haben zu oft nach Doping gefragt in der Vergangenheit, nach den Skandalen um Jan Ullrich, Jörg Jaksche, Patrick Sinkewitz, Stefan Schumacher und Co. Sie haben einen Generalverdacht erhoben. Das ist nicht gut angekommen bei denen, die professionell über die Landstraßen radeln. Und Doping - das ist der Eindruck, den man nach zwölf Tagen Tour de France gewinnt - soll diesmal sowieso kein Thema mehr sein. Drei Skandaljahre reichen. Jetzt soll "Le Tour" wieder ein unbeschwertes Fest sein.

So will es auch der französische Staatspräsident. "Ich glaube, dass die Tour ein Opfer des Dopings gewesen ist, aber dass sie nicht schuldig ist am Doping", sagt Nicolas Sarkozy. Das klingt beruhigend, auch wenn das Opfer an dem Thema beinahe krepiert wäre. Nun aber schweigt man den Täter einfach tot und hofft, dass so alles wieder gut wird. "Der Juli ohne Tour wäre kein Juli", findet Sarkozy und seine Landsleute empfinden das offenbar ähnlich. Sie strömen an die Straßen winken und jubeln dem bunten Feld zu. Wenn die Tour sich in einem Ort wie Vatan, dem Startort der elften Etappe einfindet, sind alle auf den Beinen. Bunte Luftballons hängen an den Fassaden der Häuser, jedes Schaufenster ist geschmückt mit gelben, grünen oder rot-gepunkteten Trikots. Schon zwei Stunden bevor die Fahrer sich auf den Weg machen, herrscht dichtes Gedränge. Eine örtliche Folkloregruppe tanzt vor der Bühne, auf der die Profis sich später einschreiben werden.

Prudhomme schwärmt

Im Village Depart, jener Zeltstadt in der die Toursponsoren jeden Morgen die örtlichen Ehrengäste hofieren, steht derweil Christian Prudhomme und schwärmt von der tollen Landschaft, der tollen Stimmung, der guten Organisation. So macht der 48-Jährige das jeden Morgen, in jedem Department, vor jedem Mikrofon der regionalen TV- und Radiosender, und seine Augen funkeln dabei jeden Tag, als sage er das alles zum ersten Mal. In den beiden vergangenen Jahren hat man den Tourdirektor im Village Depart auch schon ganz anders gesehen. Da rief er zornig, man müsse die Tour vom Schmutz befreien. Gemeint war Doping.

Neben Prudhomme stand in diesen Momenten immer Patrice Clerc. Der war Präsident des Tourveranstalters ASO und ein ebenso erbitterter Gegner der pharmazeutischen Leistungsmanipulation. Clerc wurde im Herbst gefeuert, nachdem der Radsportweltverband UCI und die Tour ihren jahrelangen Streit beigelegt hatten. Seitdem ist die Dopingdiskussion allenfalls eine Randnotiz. Tourdirektor Prudhomme, der den Fahrern im vergangenen Jahr vor dem Start noch ins Gewissen redete, die "Werte der Tour" nicht zu verraten, beließ es diesmal bei einem Halbsatz zum Thema. Dass die Fahrer keinen Müll am Straßenrand zurücklassen sollen, war ihm offenbar wichtiger.

Der Sonnenkönig kommt

"Wir sind gerade dabei, eine wichtige Schlacht zu verlieren", sagt Eric Boyer. Der Teammanager der französischen Equipe Cofidis hat das Gefühl, dass die meisten seiner Kollegen kein Interesse daran haben, dass Dopingproblem ernsthaft in den Griff zu bekommen. "Die meisten sind froh, wenn es einfach so weiterläuft", sagt der 48-Jährige. Boyer meint, dass die politisch-finanziellen Aspekte längst wichtiger sind, als alle anderen Überlegungen. Wie etwa die, einen sauberen Radsport anzustreben. "Wir brauchen eine Revolution", findet er. Doch für den Sturm auf die Bastille fehlen Boyer ganz offensichtlich die Mitstreiter.

Neben dem Village Depart fahren inzwischen die Mannschaftsbusse vor. Das Gefährt des Astana Teams ist mit einer großen Sonne verziert. Innendrin sitzt der Sonnenkönig - Lance Armstrong. Kaum kommt der Bus zum Stehen, herrscht sofort dichtes Gedränge. Sofort eilen ein paar Gendarmen herbei. Wenn Armstrong aussteigt, klatschen die Leute begeistert. Wer erwartet hatte, die Franzosen würden den siebenmaligen Sieger auspfeifen und beschimpfen, wird täglich eines Besseren belehrt. Dass in sechs seiner Dopingproben 1999 - dem Jahr seines ersten von sieben Toursiegen - nachträglich EPO nachgewiesen worden ist, spielt keine Rolle. Die Geschichte seines Comebacks überstrahlt alles und die perfekt geölte PR-Maschine des 37 Jahre alten Texaners funktioniert wie immer.

Holczers Fatalismus

Auch Hans-Michael Holczer ist zur Tour zurückgekehrt. Nicht als Teamchef, denn eine Mannschaft hat er ja nicht mehr, nachdem sein langjähriger Sponsor Gerolsteiner sich Ende 2008 vom Radsport abgewendet hat. Nun sitzt Holczer im Village Depart und grinst. Gut gehe es ihm, sagt Holczer. Der 55 Jahre alte Schwabe ist jetzt Repräsentant eines Toursponsors und betreut deutsche Ehrengäste. Er macht eine ausholende Geste und amüsiert sich über den Trubel im Village. "Ein Zirkus", findet er. Holczer war bis zum Herbst Vizepräsident der Bewegung für einen glaubwürdigen Radsport (MPCC). Als seine Fahrer Stefan Schumacher und Bernhard Kohl nach der Tour 2008 positiv auf das EPO-Produkt Cera getestet wurden, trat er von allen seinen Ämtern zurück.

Seitdem vertritt er einen fatalistischen Ansatz. "Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass wir mit all den Kontrollen etwas ausrichten können", sagt er. Dann muss er los, seinen Gästen die schillernde Welt der Tour de France zeigen.

Stand: 15.07.2009, 18:10

 

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