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11.03.2010 | 09.32 Uhr

Radsport

Interview mit einem Radsport-Aussteiger

"Froh, dass es vorbei ist"

Thomas Ziegler galt vor Jahren als große deutsche Radsport-Hoffnung. Im vergangenen Herbst beschloss der erst 27-Jährige nach zwei Jahren im Team T-Mobile: "Ich steige aus."

Thomas Ziegler; Rechte: wdr/jansen Lupe groß

Thomas Ziegler fährt nicht mehr Rad. Er verkauft das Sportgerät jetzt lieber.

Herr Ziegler, Sie haben vor dieser Saison ihre Radsport-Karriere beendet. Mit 27 Jahren. Warum?

Thomas Ziegler: "Es war keine spontane Entscheidung, sie ist eher mit der Zeit gereift. Ich habe mir schon immer während meiner aktiven Zeit Gedanken darüber gemacht, was wohl nach meiner Karriere mal wird, da war bei mir immer eine Unsicherheit. Das Radfahren allein hat mich ja nicht abgesichert. Ich habe nie soviel verdient, dass ich nicht mehr hätte arbeiten müssen. Irgendwann bin ich dann mit einem Freund auf den Gedanken gekommen, ein Radgeschäft aufzumachen."

Aber es ist schon ungewöhnlich, wenn man mit 27 Jahren seine Karriere beendet. Für die meisten Radprofis gehts dann doch erst richtig los. Die werden dann erst richtig stark.

Ziegler: "Ich war schon immer ein sehr ehrgeiziger Mensch. Mir hat es nicht ausgereicht, irgendwo im Feld mitzufahren. Ich wollte auch vorn landen. Es war dann beim Amstel Gold Race im April 2007. Ich hatte im Winter und Frühjahr ausgezeichnet arbeiten können, war sehr gut in Form. Und was passiert beim Amstel, das mir mit seinen vielen kleinen Anstiegen vom Profil her eigentlich optimal liegt? Ich werde in der entscheidenden Phase nach rund 200 Kilometern wieder abgehängt. Das war frustrierend. Und ich habe mir eingestanden: 'Besser wirst du nicht. Mehr gibt dein Körper nicht her. Und es reicht nicht. Warum auch immer.' In der Woche darauf habe ich zum ersten Mal konkret über einen Ausstieg nachgedacht."

"Ohne Sünder sähen Ergebnislisten anders aus"

Sie sagen, dass Ihr Körper nicht mehr hergegeben hat. Haben Sie mal darüber nachgedacht, ihm mit unerlaubten Mitteln etwas auf die Sprünge zu helfen?

Ziegler: "Doping kam für mich nicht in Frage. Ich bin schon immer ein Mensch, der sehr geradeheraus ist, ich hätte als Betrüger nicht mehr in den Spiegel schauen können. Und auch meine Freundin, mit der ich sehr glücklich bin, hätte mir so etwas nie verziehen. Das wäre für sie ein Trennungsgrund gewesen."

Nun gibt es mittlerweile einige Beweise, einige Geständnisse - alles zusammen deutet daraufhin, dass im Team T-Mobile und vorher beim Team Telekom systematisch gedopt worden sein könnte. War das auch ein Grund für Ihren Ausstieg?

Ziegler: "Ich sage mal so: Ich habe mich in den zwei Jahren im Team T-Mobile nicht wohl gefühlt. Zudem sage ich: Wenn alle Fahrer im Peloton sauber wären, sähen die Ergebnislisten der Rennen ganz anders aus."

Ist das ein Gefühl von Ihnen, oder wissen Sie das wirklich?

Ziegler: "Ich bin immer ein sehr trainingsfleißiger Mensch gewesen. Habe wirklich gern und viel an meiner Form gearbeitet. Und als Junior bzw. U23-Fahrer war ich eines der Top-Talente in Deutschland. Dennoch sind sehr viele Fahrer in den letzten Jahren leistungsmäßig an mir vorbeigezogen. Doping-Betrüger machen das heimlich, bzw. stecken in einem sehr gut abgeschirmten System. Als Außenstehender bekommt man davon nichts mit. Aber man kann als Fahrerkollege ja eins und eins zusammenzählen."

Keine Perspektive als sauberer Sportler

Stapleton/Aldag; Rechte: dpa Lupe groß

Abschied ohne Worte: Bob Stapleton und Rolf Aldag vom Team T-Mobile, heute High Road.

Also haben Sie als "sauberer" Sportler keine Perspektive mehr im Radsport gesehen?

Ziegler: "Es soll nicht falsch verstanden werden: Radfahren ist ein wunderbarer, ein faszinierender Sport. Aber das Leben als Radprofi ist nicht so traumhaft, wie sich manche Fans das vorstellen. Mein Ausstieg hat nicht nur mit der Dopingproblematik zu tun."

Aber es ist doch schon so, dass man in der ersten Liga des Radsports, wo sie schließlich gelandet sind, erstens sehr gut verdient und außerdem sehr fürsorglich behandelt wird, oder?

Ziegler: "Beides stimmt, aber dennoch ist es ein sehr anstrengendes Leben. Man ist ständig unterwegs, hat kein Zuhause. Dienstags morgens hin zu einem Rennen, donnerstags abends spät zurück. Samstags morgens wieder los zum nächsten Rennen, sonntags nachts zurück. Zuhause schnell das Nötigste erledigt und wieder los. Man kommt zu nichts, das Privatleben leidet. Und die Bedingungen unterwegs sind nicht immer leicht."

Aber stets in schönen Hotels, sich um nichts kümmern ...

Ziegler: "In Deutschland sind die Hotels schön, ja. Aber in Frankreich, Spanien und Italien? Nach einer Bergetappe beim Giro kamen wir ins Hotel und es gab kein Wasser. Nach einer Stunde kam welches - kaltes. Verfilzte Betten, alte Kaugummis in der Decke. Ich bin froh, dass ich jetzt mein echtes Zuhause gefunden habe. Mit zwei Kollegen habe ich einen Radsportladen in Hannover eröffnet. Es ist viel Arbeit, aber abends schlafe ich in meinem eigenen Bett, habe ein geregeltes Leben. Das genieße ich."

Und wie war der Abschied von den Profikollegen?

Ziegler: "Der Abschied war eiskalt. Ich habe die Teamräder Ende des Jahres per Bote zurückgeschickt, die Klamotten durfte ich behalten das wars. Die Teamleitung hatte schon seit August kein Wort mehr mit mir gesprochen, von den Kollegen hat sich auch keiner mehr gemeldet. Das Geschäft ist eben nichts für zart besaitete Menschen. Ich bin froh, dass ich da raus bin."

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 18.04.2008, 12:03

 

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