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Olympia 2010
Xu Huaiwen vor Olympia
Rückkehr mit gemischten Gefühlen
Von Christian Mixa
Xu Huaiwen ist Deutschlands beste Badmintonspielerin. Bei den Olympischen Spielen will die gebürtige Chinesin eine Medaille holen. Die Rückkehr in ihre alte Heimat ruft bei ihr gemischte Gefühle hervor.
Deutschlands Badmintonstar Xu Huaiwen
Xu Huaiwen könnte eine der Geschichten der kommenden Olympischen Spiele liefern. Das liegt weniger an der Sportart, die sie betreibt: Badminton gehört aus deutscher Sicht auch bei Olympia eher zu den Randerscheinungen. Es ist ihre Biographie, die Stoff für ein ganz besonderes olympisches Heldenepos bietet: Geboren wurde Deutschlands beste Badmintonspielerin in Guiyang, in der südwestchinesischen Provinz Guizhou. Im Sommer spielt sie in Peking um olympisches Gold - in dem Land, dem sie vor acht Jahren den Rücken gekehrt hat.
Kind des chinesischen Sportsystems
Man hört und liest viel in diesen Tagen vor Olympia über das Ausbildungssystem an Chinas Sportschulen. Über Kinder, die schon im frühen Alter zu Höchstleistungen gedrillt werden. Über den gnadenlosen Auswahlprozess, bei dem viele auf der Strecke bleiben und anschließend oft vor dem Nichts stehen. Xus Geschichte ist untrennbar mit dem chinesischen Sportsystem verbunden, auch sie hat diese harte Ausbildung durchlaufen. "Mit 13 musste ich in die Sportschule umziehen. Da sind wir um 6 Uhr morgens aufgestanden, danach war sofort eineinhalb Stunden Training. Oft haben wir dreimal am Tag bis zu acht Stunden trainiert", erinnert sie sich. "Die Eltern durften wir nur einmal pro Woche am Sonntag sehen. Das war schon sehr hart."
Ihre Ausbildung fiel auch in die Zeit, als der chinesische Leistungssport durch Dopingskandale auffiel. Beim Thema Doping wird Xu sehr vorsichtig: "Wir haben vor wichtigen Turnieren häufig Tabletten bekommen. Vitamine, sagte man uns." Aber was genau sie da nehmen mussten, das weiß sie bis heute nicht.
Keine echte Chance in China
Xu war eine der besten Spielerinnen des Landes. Sie wurde zweimal Dritte bei den Nationalen Meisterschaften, einmal gewann sie bei den National Sports Games, die größte chinesische Sportveranstaltung, die im Vierjahresrhythmus ausgetragen wird. Eine echte Chance, sich weiter nach oben zu arbeiten, hatte sie aber von Anfang nicht, sagt sie im Rückblick: "Ich habe zwei Jahre mit der Nationalmannschaft trainiert. Dabei hatte ich aber immer das Gefühl: Ich bin nur eine Sparringspartnerin für die anderen, die lassen mich an keinem internationalen Turnier teilnehmen."
Die Trainer entschieden, dass sie mit ihren 1,60 Meter einfach zu klein sei. Xu glaubt eher, dass sie an der im chinesischen Sport tief verankerten Korruption gescheitert ist, an der mangelnden Fürsprache des Trainers in ihrer Provinzauswahl. "Meine Eltern haben ihm einfach nicht genug gezahlt oder ihm nicht genug Geschenke gemacht."
Flucht nach Friedrichshafen
Medaillenhoffnung für Peking: Xu Huaiwen.
Ihr Frust darüber war so groß, dass sie einfach nur noch weg wollte. Im Jahr 2000 setzte sie sich nach Deutschland ab, zum VfB Friedrichshafen. Obwohl sie vorher nur per E-Mail Kontakt nach Friedrichshafen hatte, noch nicht einmal telefoniert hatte sie mit dem Verein vor ihrer Abreise. "Am Anfang waren alle meine Freunde und meine Familie dagegen. Ich hatte auch zuerst Angst, weil ich nicht wusste, wie es ist in Deutschland", erinnert sie sich. "Inzwischen fühle ich mich hier aber sehr wohl, habe viele Freunde", sagt die 32-Jährige, die heute mit ihrem Mann in Saarbrücken wohnt, in der Nähe des Olympiastützpunkts.
Traum von der Olympia-Medaille
Seit fünf Jahren ist Xu eingebürgert und startet für die Nationalmannschaft. 2005 gewann sie bei der Weltmeisterschaft Bronze, es war die erste deutsche WM-Medaille überhaupt. Aktuell steht sie in der Weltrangliste auf Platz sieben, die Qualifikation zu den Olympischen Spielen hat sie damit sicher. Eine Olympia-Medaille in China, der Weltmacht im Badminton, wäre ein krönender Abschluss ihrer Karriere. "Ich glaube schon, dass ich das schaffen kann", sagt Xu. "Bei Olympia sind die Chancen besser als bei der WM, weil nicht so viele der Top-Spielerinnen aus Asien starten dürfen. Außerdem haben die Chinesinnen zuhause einen sehr großen Erwartungsdruck."
Keine Revanchegelüste
Revanchegelüste verspüre sie keine, sagt sie vor ihrer Rückkehr in das Land, das ihr Talent einst missachtet hat. Das sei vor ein paar Jahren noch anders gewesen. Aber sie hat Angst davor, dass Chinas Presse im Sommer Stimmung gegen sie machen könnte - und dass dies auch aufs Publikum abfärben könnte. "Ich verstehe ja alles, was die Zuschauer reinrufen."
Ihre Zukunft sieht Xu auf jeden Fall in Deutschland. Nach Olympia will sie noch ein, zwei Jahre spielen. Danach will sie entweder als Trainerin arbeiten oder Sportmanagement studieren. Eine Rückkehr in ihre alte Heimat kann sie sich nicht vorstellen, nach allem was passiert ist: "Ein paar Wochen in China als Touristin zu sein, das ist okay. Aber länger dort zu leben, da würde ich mich nicht mehr wohl fühlen."
Stand: 21.03.2008, 8:00
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